Über den Kuvasz
Das Hüten vom Nutzvieh
Das ursprüngliche Arbeitsgebiet der Kuvaszok ist die Bewachung der grasenden Haustierbestände. Sie entwickelten sich in diesem Milieu vermutlich über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden. In dieser Zeit wurden die Grundlagen für ihre Arbeitsbereitschaft gelegt und es entwickelten sich ihre gesamten wertvollen inneren Eigenschaften. In der Glanzzeit der ungarischen Tierhaltungskultur zeigte sich ein grundlegender Bedarf an einem großwüchsigen, anspruchslosen, mutigen und wachsamen Wachhund, der zuverlässig das oft als einziges Vermögen verkörpernde Nutzvieh beschützte. Der Kuvasz nahm mit seinen Artgenossen an der Seite der Hirten erfolgreich den Kampf mit den damals oft bedrohenden Faktoren auf, wie Räuber, beutegierige monströse Braunbären oder in Rudeln angreifende Wölfe. Da die Kuvaszok diesen Anforderungen sogar unter vollkommen unterschiedlichen Umweltverhältnissen gerecht wurden, verbreiteten sie sich im ganzen Karpatenbecken und wurden zum beliebten Herdenschutzhund, von den weiten Steppen der ungarischen Tiefebene bis zu dem emporsteigenden Kranz der Karpaten.

Abb. 4: Kuvasz Anfang des vergangenen Jahrhunderts in der ungarischen Tiefebene, Hortobágy (Archiv)
Die unterschiedlichen Lebensumstände hatten zweifellos eine große Wirkung auf die Entwicklung der funktionalen, äußeren Merkmalen der Rasse. So entstanden die, für die jeweiligen größeren Regionen typischen Unterschiede im Körperbau. Des Weiteren wurde die äußere Erscheinung der Rasse dadurch beeinflusst, dass sie in gewissen größeren Gebieten mit den Herdenschutzhunden anderer Hirtenvölker gekreuzt wurden. Häufig wurden jedoch die hellen und weißen Farbschläge bevorzugt.
Jagd auf Hochwild
Ebenso ist der Beginn einer anderen traditionellen Einsatzmethode der Kuvaszok, welche Parallelen zu Herdenschutzfunktion in Siebenbürgen aufzeigt, im Nebel der Vergangenheit verschwunden. Unsere Ahnen setzten die Kuvaszok regelmäßig zum Aufspüren, Zutreiben und Fassen von großwüchsigen Wildtieren der Wälder ein, wie dies durch zahlreiche schriftliche Zeugnisse belegt ist. Das Rudel der hartnäckigen und ausdauernden Kuvaszok bedeutete für ihre Besitzer eine unentbehrliche, ja oft sogar eine lebensrettende Hilfe: Büffel, Bären, Wölfe und Wildschweine waren bei einer Parforcejagd nicht ungefährlich.

Abb. 5: Büffeljagd mit Kuvaszok. Gemälde aus dem Parlament. (Die Natur)
Später durch die Verbreitung der Schusswaffen und spezialisierten Jagdhunderassen wurden diese Qualitäten der Kuvaszok allmählich in den Hintergrund gedrängt, nichts zeigt jedoch seine einstige wichtige Rolle und feste Traditionen besser, als dass in Siebenbürgen Hirtenhunde bei einer Hochwildjagd keine Seltenheit sind. Man sollte sich nicht darüber wundern: Es gab wohl kaum geeignetere Helfer, als die kampferprobten Herdenschutzhunde, die mit einer bestimmten Region und deren Wildtierbestand vertraut waren, da sie im selben Raum mit ihnen lebten. In vielen Fällen erwiesen sich die Jagdhunde als nutzlos, wenn sie die Waldregionen finden sollten, in denen sich Großraubtiere aufhielten.
Schutz beweglicher Objekte
Im Mittelalter erblühte der Export Ungarischer Rinder in den Westen und sicherte so den Kuvaszok über viele Jahrhunderte eine artgerechte Beschäftigung. Die Graurinderherden wurden von der Ungarischen Tiefebene über mehrere Monate zu Fuß zum Bestimmungsort getrieben wurden. Sie brauchten neben den grimmigen und bewaffneten Heiducken (Ochsentreibern) einen ständigen vierbeinigen Bewacher. Die Kuvaszok erwiesen sich mit ihrer Ausdauer, ihrer guten körperlichen Verfassung und Kondition sowie mit ihrer stetig wachsamen Schutzarbeit als zuverlässige Begleiter auf dem langen und gefahrenvollen Weg, der Menschen und Tiere in höchstem Maße beanspruchte. Ein ähnlicher Aufgabenbereich der bewachenden Hirtenhunde –auch wenn in kleinerem Maße- ist bis zur jüngeren Vergangenheit erhalten geblieben. Die reisenden Händler und Landwirte beförderten ihre Marktartikel und Anbauprodukte in Kutschen, die regelmäßig von Kuvaszok zum Schutz der Reisenden vor Überfällen begleitet wurden. In den strengen Wintern am Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Kutschenfahrer, deren Weg durch die Wälder Debrecens führte, immer von 2-3 großwüchsige Hunde begleitet, zum Schutz vor den dort beheimateten Wölfen.
Ortsgebundene Bewachungsarbeit, Gebietsbewachung
Durch den Hochwasserschutz und die Urbarmachung der ungarischen Tiefebene und durch die allmähliche Zunahme der Bevölkerung wurden die extensiven Tierhaltungsformen immer mehr auf Gebiete zurückgedrängt, die nicht bewirtschaftet werden konnten. Durch die wesentliche Verbesserung der öffentlichen Sicherheit, bzw. durch die systematische großflächige Ausrottung der einst große Herden gefährdenden Raubtiere ist der Lebensraum der Kuvaszok auf dem heutigen Gebiet Ungarns langsam vollkommen verschwunden. Sie kamen auf Gehöfte, Bauernhöfe, in Dörfer, auf Industriegelände, wo sie mit vollkommen neuen Regeln und Aufgaben konfrontiert wurden. Die bisher Freiheit und barrierefreies Leben gewohnten unbändigen Kuvaszok mussten nun Zaun und Ketten kennen lernen.. Ihre Aufgabe hat sich aber nicht grundlegend geändert, sondern lediglich die Umstände, denn nun mussten sie u.a. auch die ihnen anvertrauten Wertsachen auf einem klar abgegrenzten Territorium bewachen.

Abb. 6: Grundstück bewachende Kuvaszhündin. Ungarn 2007.
Die Rasse war fähig, sich an die gänzlich neuen Lebensräume zu gewöhnen, und hier hielt sie auch stand. Dies wird auch davon untermauert, dass im zweiten Weltkrieg der Bestand der unbestechlichen und keinen Rückzieher kennenden Kuvaszok von den Kugeln der feindlichen Soldaten beinahe vollständig ausgerottet wurde. (Hierbei ist auffällig, dass die traditionelle Bewachungsmethode- und -Stil der Herdenschutzhunde viel von ihrer Bedeutung verloren hat und der Kuvasz in der Lage ist, sich immer wieder neuen Umständen und Situationen anzupassen.
Im Dienste der Polizei
In der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen wandten sich die Ungarn verstärkt ihren eigenen, bereits bestehenden aber noch nicht ausgeschöpften Werten zu. Zu jener Zeit wurde die Aufmerksamkeit das erste Mal auf die Trainierbarkeit, die inneren Werte und die Lernfähigkeit ungarischer Hirtenhunde gelenkt. (Wir dürfen an dieser Stelle nicht vergessen, dass die bekannteste, am meisten verbreitete und in vielfältigsten Aufgabenbereichen eingesetzte Hunderasse der Welt auch ein Hirtenhund ist). Seit den ersten Ausstellungen in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind die Komondorok, Kuvaszok und Pulis regelmäßige und erfolgreiche Teilnehmer der Agility-Aufgaben und Wettkämpfen, sowie Arbeitspräsentationen.

Abb. 7 Die Natur 1923
Diese Rassen wurden als Diensthunde für die königliche ungarische Gendarmerie auf speziellen eingerichteten Plätzen gezüchtet und ausgebildet. In den späteren Zeiten wurden Kuvaszok auch beim Grenzschutz eingesetzt, bevorzugt als Streifenhunde und zur Bewachung militärischer Objekte. Bei ihrem Einsatz im Gelände (Streifendienst, Grenzbewachung) mag ihre weiße Farbe ein Nachteil gewesen sein, wobei das bei ausländischen Rassen kein Problem bedeutete. Ihre ungestüme und stolze Natur, sowie ihre Sensibilität, mit der sie auf den häufigen Besitzerwechsel reagierten, behinderte jedoch ihre weitere Verbreitung in diesem Aufgabenbereich.
Partner in den Alltagen
Der Kuvasz kann als Hausbewacher, als Partnertier oder Familienhund für viele Hundehalter langfristig eine gute Wahl sein. Er behält das ihm anvertraute Gebiet und Wertgegenstände durch regelmäßige Bewegung im Auge und er reagiert auf, für ihn ungewöhnliche Ereignisse mit Gefahrpotenzial sofort mit aktiver Schutzarbeit.
Die im Welpen- und Junghundalter entwickelten Bindungen und gesammelten Erfahrungen verwurzeln tief in seiner Seele und begleiten ihn lebenslang.

Abb. 8: Kuvaszok mit Besitzern, treue Gefährten in den Alltagen
Er hängt an den Leuten und anderen Tierarten, an die er sich gewöhnt hat. Es ist wichtig für ihn, mit diesen in regelmäßigem täglichem Kontakt zu stehen, er ist bereit, sie aktiv zu verteidigen. Den Wetterbedingungen gegenüber zeigt er sich widerstandsfähig, er ist zäh und hält sich am liebsten im Freien auf, was seinem Bewegungsdrang entgegenkommt. Bei seiner Unterbringung soll immer eine wichtige Rolle spielen, dass seine Freiheit und sein Bewegungsraum möglichst nicht langfristig eingeschränkt werden, weil er das - ähnlich wie andere großwüchsige Hirtenhunderassen - weniger toleriert. Als eine Rasse, die an eine energische, regelmäßige Aufgabe mit großem Bewegungsbedarf gewohnt ist, kann er seine Fähigkeiten und Werte nur dann vollständig entfalten, wenn ihm ausreichend Möglichkeiten zur artgerechten Beschäftigung geboten wird.
Ausbildung und Lernfähigkeit
In Zukunft wird der Lernfähigkeit und Trainierbarkeit der Kuvaszok mehr Beachtung zu schenken sein. Wie man es vorher sehen konnte, haben diese Werte in der Geschichte der Rasse schon eine lange Tradition, diese Eigenschaften haben jedoch noch genug Potential, um in Zukunft weiter ausgebaut zu werden. Die begeisterten Anhänger der ungarischen Herdenschutzhunderassen suchen und erweitern ständig die Möglichkeiten, durch die sie die Fähigkeiten und Intelligenz unserer urtümlichen Rasse optimal kennen lernen, ausschöpfen und diese dem breiten Publikum präsentieren können. Bei ihrer Arbeit gewinnen sie regelmäßig neue Erkenntnisse über die physische oder geistige Leistungsfähigkeit der Kuvaszok und über die Tiefen der Hund-Mensch-Beziehung. Nach unseren bisherigen Erfahrungen können wir zuversichtlich sein, dass unsere ungarischen Hirtenhunde einen würdigen Platz unter den weltweiten Hirtenhunderassen haben. Dies zeigen die zahlreichen Prämierungen, Platzierungen und Anerkennungen der Kuvaszok bei den Arbeitsvorführungen und Geschicklichkeitswettkämpfen, bei denen instinktsicheres geschicktes Handeln gefordert ist. Mit der Rasse arbeitet Ferenc Pischoff seit mehreren Jahrzehnten mit herausragenden und regelmäßigen Erfolgen auf diesem Gebiet.

Abb. 9 Prüfung des Schutzinstinktes der Rasse, 2007
Gesetzlich geschützt
Nach einer relevanten Richtlinie des systematischen Naturschutzes muss die Vielfältigkeit unserer Umgebung bewahrt werden (wild lebende Tier- und Pflanzenwelt, Haustiere, Kulturpflanzen). An der internationalen Konferenz im Jahre 1992 in Rio de Janeiro wurde anerkannt, dass auch die Haustierarten einen unzertrennlichen Teil der genetischen Vielfältigkeit der Welt (Biodiversität) bilden und damit schutzwürdig sind. Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological Diversity).Die Anfänge der Entwicklung der Kuvaszok ist mittlerweile Geschichte, aber ihre funktionalen äußerlichen Eigenschaften und innere Werte machten sie regelmäßig dazu fähig, in unzähligen unterschiedlichen Lebensräumen und Aufgabengebieten ihre Existenzberechtigung an der Seite der Ungarn bis zu den heutigen Tagen unter Beweis zu stellen. Sie sind ein auch heute lebender repräsentativer Bestandteil unserer Geschichte und Tierhaltungskultur mehrere Jahrtausende. Vermutlich unter Berücksichtigung dieser Tatsachen wurde der Beschluss Nummer 32/2004 (IV. 19.) des Parlaments ins Leben gerufen, der besagt, dass Kuvaszok zu den geschützten uransässigen gefährdeten gezüchteten ungarischen Tierrassen mit hohen genetischen Werten gehören und somit zu den nationalen Schätzen gehören. (Unsere neun ungarischen Hunderassen und die Mehrheit unserer traditionellen Nutzvieharten gehören auch in diese Gruppe.) Für eine Nation ist es Pflicht, die bestehenden Werte zu bewahren. Wenn sie auch neue Werte schafft, sowie das gemeinsame Wertesystem bereichert, ist das ein zum Nachahmen einladendes und zu respektierendes Beispiel.
Link zum verbundenen Artikel:
- A Kutya - Kuvaszok az idő sodrában (Kuvaszok im Sturm der Zeit)

